Der Angst-Schmerz-Kreislauf: Warum sich chronischer Schmerz oft selbst verstärkt
Aktualisiert: 7. Sept.
Viele Menschen mit chronischen Schmerzen kennen dieses Muster: Je mehr man sich vor dem Schmerz fürchtet, desto stärker wird er. Und je stärker der Schmerz wird, desto größer wird die Angst davor. Ein Kreislauf, aus dem es schwer scheint, auszubrechen.
Dieses Muster hat einen Namen in der modernen Schmerzforschung: den Angst-Schmerz-Kreislauf. Er ist eines der zentralen Erklärungsmodelle hinter Ansätzen wie der Pain Reprocessing Therapy.
Wie der Kreislauf entsteht
Schmerz ist ursprünglich ein Schutzsignal. Das Gehirn bewertet Reize aus dem Körper laufend danach, ob sie gefährlich sind – und erzeugt bei vermuteter Gefahr Schmerz, um Schutzverhalten auszulösen. Das ist sinnvoll bei einer akuten Verletzung.
Bei chronischem Schmerz kann dieses Bewertungssystem jedoch überempfindlich werden. Normale Körperempfindungen – ein Ziehen, ein Kribbeln, ein leichter Druck – werden fälschlich als gefährlich eingestuft, obwohl keine Gewebeschädigung vorliegt. Diese Fehlbewertung löst Angst aus. Und Angst wiederum aktiviert das Nervensystem zusätzlich: Muskelspannung steigt, die Aufmerksamkeit richtet sich noch stärker auf die Körperregion, das Alarmsystem wird noch empfindlicher.
Damit schließt sich der Kreis: Schmerz erzeugt Angst, Angst verstärkt die Schmerzwahrnehmung, verstärkter Schmerz erzeugt wieder mehr Angst.

Was die Forschung dazu zeigt
Dieses Modell ist keine reine Theorie. In einer 2022 im Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlichten randomisiert-kontrollierten Studie an der University of Colorado wurde Pain Reprocessing Therapy – die genau an diesem Kreislauf ansetzt – bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen untersucht. Ein großer Teil der Teilnehmenden war nach der Behandlung schmerzfrei oder deutlich gebessert, mit Effekten, die auch ein Jahr später noch bestanden.¹
Zentral für den Behandlungserfolg war dabei nicht in erster Linie körperliches Training, sondern die Veränderung der Bewertung: Die Teilnehmenden lernten, körperliche Empfindungen neu einzuordnen – als ungefährlich statt als Warnsignal.
Wie man den Kreislauf unterbricht
Verschiedene Ansätze in diesem Feld setzen an unterschiedlichen Stellen des Kreislaufs an, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: dem Nervensystem zu vermitteln, dass keine tatsächliche Gefahr besteht.
Verstehen als erster Schritt. Allein zu wissen, dass Schmerz nicht zwangsläufig Gewebeschaden bedeutet, kann die Alarmreaktion messbar reduzieren.
Veränderte Wahrnehmung der Körperempfindung. Statt Schmerz zu vermeiden oder mit Anspannung zu begegnen, lernt man, ihn mit Neugier statt Furcht zu beobachten. Das durchbricht den Automatismus „Empfindung → sofortige Angstreaktion".
Umgang mit Emotionen. Unverarbeiteter Stress oder unterdrückte Gefühle können das Nervensystem zusätzlich in Alarmbereitschaft halten – ihre bewusste Wahrnehmung und ihr Ausdruck können daher Teil der Behandlung sein.
Neue, korrigierende Erfahrungen. Momente, in denen der Körper trotz einer eigentlich „gefährlich" eingestuften Bewegung oder Empfindung keine Schädigung erleidet, liefern dem Nervensystem Beweise für Sicherheit – Schritt für Schritt.

Wie ich damit arbeite
In meiner Arbeit mit Menschen, die seit Monaten oder Jahren mit chronischen Beschwerden leben, ist der Angst-Schmerz-Kreislauf oft der erste Punkt, an dem wir gemeinsam ansetzen. Viele meiner Klientinnen und Klienten haben diesen Mechanismus vorher nie erklärt bekommen – und allein diese Erklärung nimmt häufig schon etwas von der Bedrohlichkeit.
Von dort aus arbeiten wir daran, die Wahrnehmung von Körperempfindungen behutsam zu verändern und neue Erfahrungen von Sicherheit zu ermöglichen – in einem Tempo, das zur jeweiligen Situation passt. Das ist kein Ansatz, der auf Willenskraft setzt oder Schmerz wegredet. Der Schmerz ist real. Es geht darum, dem Nervensystem über Zeit neue Informationen zu geben.
Diese Begleitung findet online oder vor Ort in Berlin statt.
Mehr dazu, wie das konkret aussieht: Schmerz verlernen
Quellen
¹ Ashar YK, Gordon A, Schubiner H, et al. Effect of Pain Reprocessing Therapy vs Placebo and Usual Care for Patients With Chronic Back Pain. JAMA Psychiatry. 2022;79(1):13–23. doi:10.1001/jamapsychiatry.2021.2669




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