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Begriffe aus der modernen Schmerzforschung



Wer sich mit anhaltenden oder chronischen Schmerzen beschäftigt, stößt schnell auf viele Begriffe: neuroplastisch, noziplastisch, Mind-Body, Pain Reprocessing Therapy oder Somatic Tracking.Dass diese Begriffe teilweise unterschiedlich verwendet werden, ist verständlich – und oft verwirrend.

Dieser Beitrag soll Orientierung geben:Was bedeuten diese Begriffe aus der Schmerzforschung, woher kommen sie und warum werden sie heute teilweise anders verwendet als noch vor einigen Jahren?


Hand greift nach einer schwebenden Glühbirne


Warum Begriffe aus der modernen Schmerzforschung wichtig sind

Sprache beeinflusst, wie wir Schmerz verstehen.Gerade bei chronischen Beschwerden ohne eindeutige strukturelle Ursache kann eine präzise Begrifflichkeit helfen,


  • Missverständnisse zu vermeiden („eingebildet“, „nur psychisch“),

  • die eigene Erfahrung ernst zu nehmen,

  • und passende therapeutische Wege einzuordnen.



Neuroplastisch und noziplastisch – was ist der Unterschied?


Noziplastische Schmerzen

Der Begriff noziplastische Schmerzen wurde von der International Association for the Study of Pain (IASP) eingeführt [1].


Von noziplastischen Schmerzen spricht man, wenn:


  • Schmerzen über Wochen oder Monate bestehen,

  • keine fortbestehende Gewebeschädigung oder eindeutige strukturelle Ursache vorliegt,

  • medizinische Untersuchungen zwar wichtig sind, aber keine ausreichende Erklärung liefern,

  • Hinweise auf eine veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem bestehen.


Noziplastische Schmerzen zählen damit zu den chronischen Schmerzen ohne klaren Befund.


Neuroplastizität

Der Begriff neuroplastisch beschreibt keine Schmerzart, sondern einen biologischen Mechanismus.Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns und Nervensystems, sich durch Erfahrung, Lernen und Wiederholung zu verändern.


In der Schmerzforschung geht man davon aus, dass noziplastische Schmerzen häufig mit einer sogenannten maladaptiven Neuroplastizität einhergehen können [2].Das bedeutet: Das Nervensystem hat gelernt, Schmerz zu verstärken oder aufrechtzuerhalten – obwohl keine akute Gefahr oder Verletzung mehr besteht.


Frühere Bezeichnungen wie „neuroplastische Schmerzen“ bezogen sich vor allem auf diesen Mechanismus.Heute wird zunehmend der präzisere Begriff noziplastisch verwendet, um sauber zwischen Schmerzklassifikation und Lernprozessen im Nervensystem zu unterscheiden.



Mind-Body-Medizin und moderner Mind-Body-Ansatz im Schmerzkontext

Der Begriff Mind-Body ist in der Medizin schon lange etabliert – wird aber unterschiedlich verwendet.


Mind-Body-Medizin (MBM)

Die klassische Mind-Body-Medizin entwickelte sich ab den 1970er-Jahren in den USA, unter anderem geprägt durch den Harvard-Kardiologen Herbert Benson [3].


Ihr Schwerpunkt liegt vor allem auf:


  • Stressreduktion,

  • Achtsamkeit,

  • Entspannungsverfahren,

  • gesundheitsfördernden Lebensstilfaktoren.


Die MBM wird häufig präventiv eingesetzt oder bei stressassoziierten körperlichen Beschwerden.


Moderner Mind-Body-Ansatz im Schmerzkontext

Der heutige Mind-Body-Ansatz in der Schmerzbegleitung baut auf neueren Erkenntnissen der Schmerz- und Neurowissenschaften auf.


Im Fokus stehen hier:


  • die Verarbeitung von Schmerz im Gehirn und Nervensystem,

  • Lern- und Alarmprozesse bei anhaltenden oder noziplastischen Schmerzen,

  • emotionale Einflüsse auf Schmerz,

  • die Neubewertung von Gefahr.


Entspannung und Achtsamkeit können unterstützend wirken, stehen jedoch nicht im Zentrum dieses Ansatzes.



Wichtige Begriffe aus der modernen Schmerzbegleitung

Diese Ansätze werden häufig dann relevant, wenn klassische medizinische Behandlungen bei chronischen Schmerzen nicht ausreichend greifen.


Pain Reprocessing Therapy (PRT)

Die Pain Reprocessing Therapy (PRT) wurde speziell für anhaltende, insbesondere noziplastische Schmerzen entwickelt.Sie geht davon aus, dass bestimmte Schmerzen nicht durch Gewebeschäden entstehen, sondern durch eine anhaltende Fehlbewertung von Gefahr im Nervensystem [4].


Ziel ist es, diese Bewertung schrittweise zu verändern und dem Gehirn neue, sichere Erfahrungen zu ermöglichen.


Somatic Tracking

Somatic Tracking ist ein zentrales Element innerhalb der PRT.Dabei wird der Schmerz bewusst, neugierig und ohne Bewertung wahrgenommen.


Diese Form der Aufmerksamkeit kann dem Nervensystem helfen,


  • Körpersignale neu einzuordnen,

  • automatische Alarmreaktionen zu reduzieren,

  • Sicherheit statt Bedrohung zu lernen.


Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET)

Die Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET) wurde unter anderem von Howard Schubiner mitentwickelt [5].


Sie basiert auf der Annahme, dass nicht verarbeitete emotionale Erfahrungen das Nervensystem in einem anhaltenden Alarmzustand halten können.Durch gezielte emotionale Wahrnehmung und Ausdrucksprozesse soll eine Regulation des Nervensystems unterstützt werden.


JournalSpeak

JournalSpeak ist eine Schreibmethode aus dem Mind-Body-Schmerzkontext, die insbesondere von der US-amerikanischen Therapeutin Nicole Sachs bekannt gemacht wurde [6].


Merkmale von JournalSpeak:


  • freies, ungefiltertes Schreiben,

  • Fokus auf emotionalen Ausdruck statt Analyse,

  • Anwendung vor allem bei anhaltenden oder noziplastischen Schmerzen.


Die meisten Veröffentlichungen dazu stammen bislang aus dem englischsprachigen Raum.



Zusammenfassung: Orientierung statt Verwirrung

Unabhängig vom verwendeten Begriff geht es in der modernen Schmerzbegleitung nicht darum, Schmerzen zu ignorieren oder „wegzudenken“.Im Mittelpunkt steht das Verständnis, wie Schmerz im Nervensystem entsteht, gelernt wird und sich verändern kann.


Begriffe ändern sich, weil sich Wissen weiterentwickelt. Eine klare Sprache kann dabei helfen, Orientierung zu schaffen – und neue Wege im Umgang mit chronischen Schmerzen zu eröffnen.



Quellen

[1] International Association for the Study of Pain (IASP): IASP Terminology and Pain Classification

[2] May, A. (2011). Functional and structural imaging of pain-induced neuroplasticity. Current Opinion in Anaesthesiology

[4] Ashar, Y. K. et al. (2021). Effect of Pain Reprocessing Therapy vs Placebo and Usual Care. JAMA Psychiatry

[5] Schubiner, H., & Betzold, M. (2010). Unlearn Your Pain. Mind Body Publishing

[6] Sachs, N. (2016). The Meaning of Truth; klinische Arbeit & Podcast

 
 
 

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