Neuroplastische Schmerzen verstehen: Wenn dein Körper Alarm schlägt – auch ohne Befund
- Monica Schuricht

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 11 Stunden

Kennst du das Gefühl, dass dein Rücken, dein Nacken oder dein Bauch schmerzt, obwohl bei ärztlichen Untersuchungen „alles in Ordnung“ ist? Du bist damit nicht allein. Viele Menschen erleben anhaltende Schmerzen, ohne dass sich im MRT, Röntgen oder in Blutwerten eine eindeutige Ursache zeigt. Diese Schmerzen sind real und belastend – auch dann, wenn kein klarer Befund vorliegt.
Genau an diesem Punkt sprechen wir von neuroplastischen Schmerzen.
In diesem Artikel erkläre ich dir, warum Schmerzen trotz fehlender struktureller Schäden entstehen können, welche Rolle dein Nervensystem dabei spielt und warum dieser Ansatz nicht nur plausibel ist, sondern auch wissenschaftlich gut belegt.
Warum Schmerz nicht dort entsteht, wo es wehtut
Schmerz entsteht nicht im Rücken, im Knie oder in der Bandscheibe.Schmerz entsteht im Gehirn.
Dein Gehirn bewertet fortlaufend Signale aus deinem Körper und deiner Umgebung und entscheidet, ob eine Situation als gefährlich eingestuft wird. Erst dann entsteht das Erleben von Schmerz.
Schmerz ist damit kein direkter Beweis für Gewebeschaden, sondern ein Schutzsignal des Nervensystems.
Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich bei chronischem Schmerz nicht nur einzelne Hirnareale verändern, sondern ganze Netzwerke der Schmerzverarbeitung reorganisieren. Diese Veränderungen betreffen sensorische, emotionale und aufmerksamkeitssteuernde Bereiche des Gehirns und können die Schmerzwahrnehmung verstärken – selbst dann, wenn keine akute Gewebeschädigung vorliegt [1], [2].
Was neuroplastische Schmerzen sind
Von neuroplastischen Schmerzen sprechen wir, wenn:
Beschwerden über Wochen oder Monate bestehen
ärztliche Untersuchungen keine eindeutige Ursache zeigen (Schmerzen ohne Befund)
die Schmerzintensität stark schwankt
Stress, Emotionen oder Aufmerksamkeit die Symptome beeinflussen
„Neuroplastisch“ bedeutet nicht, dass der Schmerz eingebildet ist.Er ist real, spürbar und belastend.
Der Begriff beschreibt, wo die Ursache hauptsächlich liegt:in der Verarbeitung im Nervensystem – nicht in einer fortbestehenden Gewebeschädigung.
Bildgebende Studien zeigen, dass chronischer Schmerz mit funktionellen und strukturellen Veränderungen im Gehirn einhergehen kann. Diese Veränderungen gelten als Ausdruck einer maladaptiven Neuroplastizität – also eines Lernprozesses des Nervensystems, der Schmerz verstärkt statt schützt [2].
Wie dein Nervensystem Schmerz lernt
Das Nervensystem ist lernfähig. Durch wiederholte Erfahrungen, Stress und anhaltende Alarmzustände kann es lernen, schneller und intensiver auf Reize zu reagieren. Fachlich spricht man hier von Sensibilisierung.
Typische Anzeichen dafür sind:
Schmerzen ohne erkennbare Belastung
harmlose Bewegungen fühlen sich plötzlich gefährlich an
Symptome wechseln oder wandern
gute und schlechte Tage wechseln sich ab
Diese Reaktionen bedeuten nicht, dass dein Körper instabil oder kaputt ist.Sie zeigen, dass dein Nervensystem gelernt hat, besonders vorsichtig zu sein – manchmal zu vorsichtig.
Warum Schmerzen ohne Befund keine schlechte Nachricht sind
Wenn keine strukturellen Schäden gefunden werden, ist das keine Abwertung deiner Beschwerden.Es bedeutet vor allem eines: Dein Körper ist nicht beschädigt.
Die Internationale Schmerzdefinition unterscheidet verschiedene Schmerzmechanismen. Anhaltender Schmerz ohne klare Gewebeschädigung wird dabei als noziplastischer Schmerz beschrieben. Im Vordergrund steht eine veränderte Verarbeitung von Schmerzreizen im Nervensystem – nicht ein aktiver Schaden im Gewebe [3].
Das ist entscheidend, denn:Was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.Wenn kein Gewebe repariert werden muss, liegt der Fokus darauf, dem Nervensystem wieder Sicherheit zu vermitteln.
Für wen dieser Ansatz geeignet ist
Meine Mind-Body-Begleitung ist sinnvoll, wenn:
du ärztlich abgeklärt bist
strukturelle Ursachen ausgeschlossen oder behandelt wurden
die Beschwerden dennoch bestehen bleiben
Diese Begleitung ersetzt keine medizinische Diagnostik.Sie setzt dort an, wo klassische Behandlungen oft an ihre Grenzen stoßen, weil sie die Rolle des Nervensystems nicht ausreichend berücksichtigen.
Ein neuer Blick auf deinen Schmerz
Neuroplastische Schmerzen zu verstehen bedeutet nicht, dass der Schmerz sofort verschwindet.Aber es verändert die Perspektive:
Aus einem scheinbar widersprüchlichen Körper wird ein lernfähiges Nervensystem.Aus Ohnmacht entsteht Handlungsspielraum.
Denn wenn Schmerz ein Alarm ist, der gelernt wurde, kann dieser Alarm auch neu bewertet werden.
Genau dabei begleite ich Menschen: Schmerz verstehen, das Nervensystem regulieren und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in den eigenen Körper aufbauen.
Quellen
[1] Williams AC de C et al.Neuroplasticity in chronic pain: insights into diagnosis and treatment.PubMed ID: 40159936
[2] Seminowicz DA et al.Functional and structural imaging of pain-induced neuroplasticity.Pain. 2011;152(3): S39–S43.

Kommentare