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Bandscheibenbefunde ≠ Schmerz

Aktualisiert: vor 5 Stunden

Rückenansicht einer Frau, sichtbare Wirbelsäule


Viele Menschen bekommen irgendwann ein MRT der Wirbelsäule – weil Rückenschmerzen immer wiederkehren oder einfach nicht verschwinden. Kaum liegt der Befund vor, springt oft ein Begriff ins Auge: Bandscheibenveränderungen.Der Gedanke folgt fast automatisch: Das ist die Ursache meiner Schmerzen.

Doch genau hier beginnt ein weit verbreitetes Missverständnis rund um Bandscheibenbefunde und Schmerz.



Bandscheibenbefunde und Schmerz: Warum das MRT oft mehr verwirrt als erklärt

Ein MRT zeigt Strukturen. Es zeigt jedoch nicht, wie Schmerz im Nervensystem entsteht oder verarbeitet wird. Trotzdem werden Bandscheibenbefunde häufig wie eine eindeutige Diagnose gelesen.

Eine große systematische Übersichtsarbeit von Brinjikji et al. (2015) untersuchte MRT-Befunde der Wirbelsäule bei über 3.000 Menschen ohne Rückenschmerzen. Das Ergebnis ist eindeutig:Bandscheibenbefunde sind bei schmerzfreien Menschen extrem häufig – und nehmen mit dem Alter deutlich zu.

So fanden sich Bandscheibenvorwölbungen bereits bei rund 30 % der 20-Jährigen und bei über 80 % der 80-Jährigen, obwohl diese Personen keine Rückenschmerzen hatten [1].

Das bedeutet:Bandscheibenbefunde können vorhanden sein – ohne Schmerz.Und umgekehrt können Schmerzen stark sein, obwohl das MRT wenig oder nichts Auffälliges zeigt.



Bandscheibenvorwölbung oder Protrusion: Wann wird ein Befund wirklich relevant?

Bandscheibenbefunde sind nicht grundsätzlich bedeutungslos. In bestimmten Situationen liefern sie wichtige Hinweise – etwa bei:


  • deutlichen neurologischen Ausfällen

  • anhaltenden Lähmungen oder Gefühlsstörungen

  • klarer Nervenwurzelkompression


In diesen Fällen ist Bildgebung sinnvoll und notwendig.

Was jedoch nicht funktioniert:Aus dem bloßen Vorhandensein eines Bandscheibenbefunds direkt auf die Schmerzursache zu schließen.

Denn auch hier gilt:Korrelation ist nicht Kausalität.Ein Befund kann da sein, ohne der Treiber des Schmerzes zu sein.



Was Bandscheibenbefunde für deinen Schmerz wirklich bedeuten

Ein unauffälliges oder „altersentsprechendes“ MRT macht Schmerzen nicht weniger real.Schmerz ist keine Einbildung – er entsteht durch Verarbeitung im Nervensystem, nicht allein durch Struktur.

Gerade bei länger bestehenden Beschwerden zeigt sich häufig:Der Schmerz wird weniger durch die Bandscheibe selbst aufrechterhalten, sondern durch Faktoren wie Anspannung, Stress, Schonhaltungen, Angst vor Bewegung oder eine Sensibilisierung des Nervensystems.

Hier liegt der Kern des Missverständnisses rund um Bandscheibenbefunde und Schmerz.



Mind-Body-Perspektive bei Bandscheibenbeschwerden

Wenn das Nervensystem gelernt hat, Schmerz zu erzeugen oder zu verstärken, kann dieser Prozess auch wieder verändert werden.

Schmerz entsteht nicht im MRT, sondern im Nervensystem.Und genau dort setzt die Mind-Body-Perspektive an:Sicherheit aufbauen, Stress regulieren, Bewegung wieder als ungefährlich erleben.

So verschiebt sich der Fokus weg vom Bild – hin zu Handlungsspielraum.



Fazit: Bandscheibenbefunde ≠ Schmerzursache

Bandscheibenbefunde erklären Schmerzen nicht automatisch.MRT-Bilder zeigen Struktur, nicht Schmerzmechanismen.Schmerz bleibt real – mit oder ohne auffälligen Befund.Das Nervensystem ist lernfähig und veränderbar.

Ein Befund ist Information.Keine Verurteilung.



Quelle




Ein typischer MRT-Befund – und was er wirklich bedeutet


Original MRT-Formulierungen


Multisegmentale degenerative Veränderungen der LWS.


Übersetzung:

Mehrere Bandscheiben und Wirbel zeigen altersübliche Abnutzungszeichen.

  • Das ist kein Krankheitsurteil, sondern eine Beschreibung – vergleichbar mit grauen Haaren im Inneren.


Bandscheibenprotrusion L4/L5 ohne relevante Spinalkanalstenose.


Übersetzung:

Die Bandscheibe wölbt sich leicht vor, drückt aber nicht relevant auf Nerven oder Rückenmark.

  • Dieser Befund kommt auch bei vielen Menschen ohne Schmerzen vor.


Diskrete Höhenminderung der Bandscheibe.


Übersetzung:

Die Bandscheibe ist etwas flacher als früher.

  • Das ist ein normaler Alterungsprozess und sagt nichts über Schmerzstärke aus.


Osteochondrose / Spondylose


Übersetzung:

Knochen und Bandscheibe haben sich im Laufe des Lebens angepasst.

  • Klingt dramatisch, bedeutet aber meist: normale Verschleißzeichen.


Keine Nervenwurzelkompression.


Übersetzung:

Gute Nachricht.

  • Kein Nerv wird eingeengt. Der Befund erklärt keinen zwingenden strukturellen Schmerzmechanismus.



Warum diese Sprache so verunsichert

Radiologische Befunde sind für Ärzt:innen geschrieben, nicht für Betroffene.Sie beschreiben alles, was sichtbar ist – nicht, was relevant ist.

Das Problem:Menschen lesen „degenerativ“, „Veränderung“, „Protrusion“→ und das Nervensystem hört: Gefahr, Schaden, Vorsicht.

Genau hier entsteht oft die eigentliche Schmerzspirale.



Der entscheidende Denkfehler

MRT zeigt:Struktur

Schmerz entsteht durch:Verarbeitung im Nervensystem

Das MRT kann Hinweise liefern, wann Vorsicht nötig ist(z. B. Lähmungen, Gefühlsausfälle, massive Kompression).

Aber in sehr vielen Fällen zeigt es vor allem eines: normale, altersbedingte Bandscheibenbefunde – ohne klare Aussage zum Schmerz.



"Was im MRT sichtbar ist, ist nicht automatisch das, was weh tut."

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